Wertvoller Brillant-Ring verloren!
„Wertvoller Brillant-Ring verloren. 2000 Mark Belohnung!“ – mit dieser Original-Schlagzeile aus einer Aschaffenburger Zeitung des Jahres 1925 startete das Musical „1925 – eine neue Rolle“ vergangenen Samstag seine grandiosen Aufführungen im Stadttheater.

Im Mittelpunkt des Geschehens stand die Geschichte von Sofie, einer Gastschülerin aus den Vereinigten Staaten, die sich nur schwer an Disziplin und Ordnung in ihrer neuen Schule, der „Höhreren Weiblichen Bildungsanstalt“ gewöhnen kann. Mit Jazz, Lippenstift und modernen Ansichten über die Rolle der Frau wirbelt sie das Mädchen-Internat gehörig durcheinander. Die Theatergruppe, die gerade ein Stück über „weibliche Tugenden“ einstudiert, droht über der Frage, welche Vorbilder für junge Mädchen von Relevanz sind, auseinanderzubrechen. Als dann auch noch das Stück sabotiert und die Kulissen zerstört werden, scheint die Aufführung vollends zu scheitern.

15 Schülerinnen des P-Seminars Musical hatten für ihre Geschichte alte Zeitungen im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg studiert. Ausgangspunkt für die Handlung war aber der Jubiläums-Festakt unserer Schule, der im Jahr 1925 begangen wurde und in dem die sieben Steinfiguren an der Schulhausfassade als „Genien der weiblichen Tugenden“ im Zentrum standen. Dass die heutige Generation von Schülerinnen – und möglicherweise auch bereits diejenige, die damals auf der Bühne stand – ganz andere Vorbilder für die Rolle der Frau gewählt hätten, als die Königinnen und Kaiserinnen über dem Haupteingang, kann kaum bezweifelt werden und ist der entscheidende Konfliktpunkt im diesjährigen Dalberg-Musical.
Die mehr als 500 Zuschauerinnen und Zuschauer der beiden Vorstellungen bekamen aber noch eine ganze Reihe weiterer Geschichten in Schauspiel und Gesangsstücken präsentiert. Da ist zum Beispiel die Schülerin Frieda, die sich ihrem arg aufdringlichen Tanzpartner Hans zu entziehen versucht und sich schließlich zu einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit ihrer Mitschülerin Maggie bekennt. Josefine hat es dagegen satt, die Aufpasserin für ihre große Schwester Eleonore zu spielen, die lieber Model oder Schauspielerin sein möchte, als nach dem Willen ihrer Eltern Medizin zu studieren.
Eva und die Klassensprecherin Charlotte lehnen eine derart rebellische Haltung strikt ab und bewegen sich damit eher auf Linie mit Fräulein Guttmut, der streng-konservativen Internats-Leiterin. Fräulein Wolf, Leiterin der Theatergruppe, scheint zwar ihrem Kollegen Herrn Apfelbaum zugeneigt zu sein; ihren Beruf aufgeben, nur um eine Familie gründen zu können, möchte sie aber nicht. Und dann ist da noch Betty, die das Internat verlassen soll, weil ihre Eltern nurnoch das Studium ihres Bruders finanzieren können. Um Geld zu verdienen, singt Betty heimlich in einer neu eröffneten Jazzbar, fliegt damit jedoch beinahe auf. Am Ende aber steht Betty das Glück zur Seite, als ausgerechnet ihre neue Mitschülerin Sofie eine außerordentliche Entdeckung macht: Sie findet den Brillant-Ring, mit dessen Finderlohn Bettys Bleiben im Internat gesichert ist.
Mit Themen wie Emanzipation, Frauenrechten und Feminismus behandelte das Musical „1925 – eine neue Rolle!“ bedeutende gesellschaftspolitische Fragen, die auch in der Gegenwart noch längst nicht alle beantwortet sind.
Im Gegenteil: Die Geschichte des P-Seminars Musical kann auch als Weckruf gesehen werden, sich gegen anti-liberale Strömungen zu Wehr zu setzen und zu verhindern, dass uns Errungenschaften wie Gleichberechtigung, individuelle Freiheit und allgemeine Menschenwürde noch einmal von rechtsradikalen Parteien entrissen werden. Wenn wir das mit der gleichen Leidenschaft, Energie und Strahlkraft tun, die die Tänzerinnen, die Musikerinnen und Musiker, die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Masken- und Kostümbildnerinnen des Dalberg-Gymnasiums im Stadttheater an den Tag gelegt haben, darf man zuversichtlich sein.
Johannes Lorentzen


