Was machst DU aus deinem Leben?

„Stellen Sie sich vor, Sie hätten nicht mehr lange zu leben. Was würden Sie ändern?“ Diese Frage werfen die drei Schatten am Anfang des Stücks „Cool gestorben“ in den Raum, das am 01.07.2026 im Stadttheater Aschaffenburg unter der Leitung von Dr. Susanne Koch aufgeführt wurde. Damit konfrontieren sie ihr Publikum gleich zu Beginn mit unbequemen, aber entscheidenden Lebensfragen. Die Schatten (Josephine, Smilla und Teresa) nehmen es mit auf eine Reise, bei der sie vier Figuren mit ganz unterschiedlichen Lebenskonzepten vorstellen.

Die Schatten entrollen das Leben der erfolgreichen Anwältin (Johanna), die die schwierigsten Fälle löst und Opfern zu ihrem Recht verhilft. Doch der Erfolg bringt auch Schattenseiten mit sich: Die Geburtstagsparty des Freundes wird der Schreibtischarbeit geopfert und die Mutter stirbt nach einem plötzlichen Schlaganfall allein im Krankenhaus.

Auch die alleinerziehende Mutter (Zoё) hat es nicht leicht. Denn statt als Ärztin in Afrika einen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten, schlägt sie sich mit Überstunden im langweiligen Bürojob herum. Nur so ist sie in der Lage, ihrer halbwüchsigen Tochter (Adele) und sich ein gutes Leben zu ermöglichen. Als diese sie auch noch hintergeht, stürzt das die Mutter in tiefe Verunsicherung, ob sie in ihrem bisherigen Leben wirklich alles richtig gemacht hat.

Derartige Probleme oder gar Geldsorgen kennt der reiche Privatier (Daniel) nicht, da er seinen Lebensunterhalt nicht verdienen muss. Aber auch er sieht sein Leben an sich vorbeiziehen und wird erst wirklich lebendig, als er einem kreativen Bäcker (Jonas) mit seiner Expertise über Kaffee helfen möchte.

Dieser Bäcker hat seinen Traum wahrgemacht und kreiert die ausgefallensten Spezialitäten, zum Beispiel Tannenzapfenkrapfen. Offensichtlich ist er aber kein guter Geschäftsmann und in seinem kreativen Chaos verwechselt er schon auch einmal Walnüsse mit Haselnüssen, weshalb ihm die Geschäftsschließung droht.

Die Schatten begleiten ihre Figuren auf deren wechselvollen Wegen, sie versuchen zwar auch zu trösten, viel lieber kommentieren sie aber das Geschehen hämisch oder machen den Figuren sogar große Vorwürfe. Damit halten sie nicht nur ihnen, sondern auch dem Publikum einen Spiegel vor. So können sich die Zuschauenden in jedem der Lebensentwürfe mehr oder weniger selbst finden. Am Ende des Stückes ziehen die vier Figuren ihr Lebensresümee und fordern ihr Publikum dadurch auf, die eigenen Vorstellungen und Ideen des individuellen Lebenskonzepts auf den Prüfstand zu stellen. Nicht zufällig wird diese Szene von Jan am Flügel mit Variationen des Musikstücks „Time“ von Hans Zimmer untermalt: Es geht um die eigene Lebenszeit und wie man sie für sich am besten gestaltet. Und es ist tröstlich, wenn man, wie der kreative Bäcker, am Ende seines Lebens sagen kann: „Es war nicht perfekt, aber es war meins.“

Das Publikum honorierte diesen tiefsinnigen Theaterabend mit begeistertem Beifall und zeigte damit, wie bereitwillig es sich auf dieses schwierige Thema eingelassen hatte. Durch die vielen kleinen Nebenrollen des Mittelstufenensembles konnten die vier Lebensgeschichten sehr anschaulich zum Leben erweckt werden und lustige Details sorgten auch für fröhliche und komische Momente. Mit sehr großer Intensität setzten sowohl die Schatten als auch die vier Figuren ihre jeweilige Haltung um. So zeigten sie glaubwürdig das Dilemma gegensätzlicher Ansprüche auf und sorgten auf diese Weise für eine gelungene Inszenierung mit philosophischer Note.

(Susanne Koch, Fotos: Dominik Sommer)